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Fachbeitrag · Kanzlei und Digitalisierung

62 Prozent automatisierbar: Was die neuen IAB Zahlen für die Steuerberatung bedeuten

Von Sascha MatussekSteuerberater und Geschäftsführer
  • Veröffentlicht
  • 4 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Das IAB misst, welche Tätigkeiten technisch automatisierbar wären, nicht, was tatsächlich passieren wird.
  • Bei Steuerfachangestellten sank der Wert von 100 auf 50 Prozent, weil Beratung Teil der Ausbildung wurde.
  • Einen massiven Stellenabbau zeigen die Daten nicht. Berufsbilder verändern sich schneller als früher.
  • Für Mandanten heißt das, Routine wird schneller und die gewonnene Zeit fließt in Beratung.

Eine Zahl sorgt in der Branche für Gesprächsstoff: 62 Prozent der Tätigkeiten, die zum Berufsbild von Steuerberaterinnen und Steuerberatern gehören, ließen sich technisch bereits durch künstliche Intelligenz erledigen. Berechnet hat das ein Forschungsteam des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg. Das klingt nach einem Alarmsignal. Bei genauerem Hinsehen ist es eine präzise Aussage über Technik und eine sehr ungenaue über die Zukunft.

Was der Job Futuromat misst und was nicht

Hinter der Zahl steht das sogenannte Substituierbarkeitspotenzial. Das IAB untersucht rund 4.000 Berufe und prüft, welche Einzeltätigkeiten eine Maschine, ein Computer oder eine KI grundsätzlich übernehmen könnte. Grundlage ist das Berufenet der Bundesagentur für Arbeit mit rund 9.000 erfassten Tätigkeiten. Aktualisiert wird im Abstand von drei Jahren, der zuletzt veröffentlichte Stand bildet die Technik des Jahres 2022 ab.

Die Forschung betont selbst: Das Ergebnis ist keine Prognose. Gemessen wird nur die technische Machbarkeit. Wirtschaftlichkeit, rechtliche Hürden, ethische Fragen und die Wünsche der Mandanten bleiben außen vor. Ob ein Potenzial tatsächlich genutzt wird, entscheidet sich an ganz anderer Stelle.

Trotzdem lässt sich etwas ableiten: Automatisierbare Tätigkeiten verlieren innerhalb eines Berufs an Bedeutung, und die Daten zeigen, welche Technologien wichtig werden. Beides sind brauchbare Hinweise darauf, wo Kanzleien ansetzen sollten.

Warum sich der Wert bei Steuerfachangestellten halbiert hat

Für Steuerfachangestellte lag das Substituierbarkeitspotenzial vor Kurzem noch bei 100 Prozent, heute bei 50 Prozent. Der Grund ist keine Kehrtwende der Technik, sondern eine neue Ausbildungsordnung von 2023. Aufgenommen wurden Aufgaben wie Mandantenbetreuung und Beratung, also genau die Bereiche, in denen KI nach heutigem Stand nicht mitspielt. Gut automatisierbare Tätigkeiten wie klassische Sachbearbeitung sind entfallen.

Daraus folgt die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Berufsbilder sind keine festen Größen. Sie verändern sich fortlaufend und schneller als früher. Einmal erworbenes Wissen trägt nicht mehr durch ein ganzes Berufsleben.

Kein massiver Stellenabbau in Sicht

Wäre die Sorge berechtigt, müssten Berufe mit hohem Potenzial bereits Beschäftigung verlieren. Das zeigen die Daten nicht, zu beobachten ist lediglich ein etwas schwächeres Wachstum. Projektionen des IAB gehen davon aus, dass sich Abbau und Aufbau von Beschäftigung durch KI über zehn bis fünfzehn Jahre weitgehend ausgleichen. Was sich ändert, sind die Strukturen: Wissen veraltet schneller und muss häufiger erneuert werden.

Auch die Sorge, KI verdränge gezielt Berufseinsteiger, lässt sich für Deutschland bislang nicht belegen. Die zurückhaltende Einstellungspraxis dürfte eher mit der Wirtschaftslage zusammenhängen.

Was das für Kanzleien und Mandanten heißt

Für uns ist die Botschaft weder beunruhigend noch beruhigend, sondern eine Arbeitsanweisung. Wenn ein großer Teil der standardisierbaren Arbeit technisch übernehmbar ist, verschiebt sich der Wert unserer Arbeit dorthin, wo Software an Grenzen stößt:

  • Beratung statt Abarbeitung. Einen Sachverhalt in die persönliche Situation eines Mandanten einzuordnen, bleibt eine menschliche Leistung.
  • Erfahrungswissen. Welche Gestaltung in der Praxis trägt und welche in der Betriebsprüfung Probleme macht, beantwortet kein Modell zuverlässig.
  • Entscheidungen begleiten. Unternehmerische Weichenstellungen brauchen ein Gegenüber, das Verantwortung mitträgt.
  • Weiterbildung. Lebenslanges Lernen ist keine Floskel, sondern Voraussetzung für Beratungsqualität.

Für unsere Mandanten bedeutet das: Routineprozesse werden schneller, digitaler und fehlerärmer. Die frei werdende Zeit fließt dorthin, wo sie Ihnen nützt, in Gespräche, Gestaltung und Planung.

Fazit

Die 62 Prozent sind keine Abrissbirne für einen Berufsstand, sondern eine Beschreibung dessen, was Technik heute kann. Der Beruf verschwindet nicht, er verändert sich. Wer bereit ist, Neues auszuprobieren, wird davon profitieren. Diese Haltung nehmen wir in unserer Kanzlei bewusst ein.

Quellen

Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand zum Zeitpunkt der letzten Aktualisierung wieder und dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall und ist keine Anlageberatung.

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